Kann man Purpose messen – und maximieren?

Purpose, höherer Sinn, Mission oder Berufung – Arbeit darf mehr sein als bloß eine Einkommensquelle, egal wie wir das “größere Ganze” nennen. Psychologen und Soziologen haben in vielerlei Studien nachgewiesen, dass der Sinn hinter einer Tätigkeit die intrinsische Motivation stark beeinflusst. Und spätestens seit der Geburt des Feldes der Positiven Psychologie wurde Sinnhaftigkeit als einer der wesentlichen Faktoren für befriedigende Arbeit identifiziert – wie wir in den Blog Posts über die 5 Positiven Happiness-Faktoren sowie die Motivationskiller herausgefunden haben. Wenn du deinen jetzigen Job – oder vielleicht eine deiner nächsten Berufsoptionen – unter die Sinn-Lupe nimmst, stellst du dir vielleicht die spannende Frage: wie entsteht eigentlich das Gefühl von “Sinnhaftigkeit”? Was braucht es, damit sich dein Beruf sinnig anfühlt – und wie findet man den größtmöglichen “Purpose”?

Anderen Menschen dienen – nur wie?

Verschiedenste Motivationsmodelle, wie bspw. Maslow’s Bedürfnispyramide, stellen “Dienen”, d.h. anderen Menschen helfen, an die Spitze der menschlichen Sehnsüchte (siehe auch dieser Post über den höchsten Sinn). Wenn wir uns eine Hebamme, einen Arzt oder einen Priester vorstellen, ist relativ direkt ersichtlich wo ihr Sinn herkommen kann – schließlich sind sie tagtäglich mit ihren “Kunden” in Kontakt, und ihre unmittelbaren Aufgaben umfassen das “Dienen”. Wie aber sieht es mit etwas weniger typischen Diensten am Menschen aus – bspw. dem klassischen Büro-Job im Personal oder Controlling?

Nehmen wir uns einmal ein Angestelltenverhältnis in einer Firma mit mind. einer Hand voll Mitarbeitern vor, und nehmen wir ferner an, der Job als solcher umfasst eine beliebige kaufmännische Aufgabe und nicht eine Sozialarbeit (der Hotline-Mitarbeiter für Drogenabhängige zählt also, obwohl er einen “Bürojob” hat, nicht dazu).

Die möglichen Purpose-Quellen

Die möglichen Purpose-Quellen können wir grob in vier Ebenen einordnen – je nachdem wie nah sie an der eigenen Rolle sind. Diese sind:

  • Eigene Rolle und Aufgaben, bspw. Recruiter
  • Abteilung oder Team, bspw. HR
  • Output oder Produkt, bspw. Elektroautos
  • Firmenvision, bspw. Mobilität ohne Umweltschädigung

Nachdem wir diese Einteilung vorgenommen haben, folgt die Frage: welche der vier Ebenen ist am bedeutendsten für die eigene “Sinnhaftigkeit”? Und hat man sich erst einmal auf eine Ebene fokussiert – kann man quantitativ erörtern, welches Thema (bspw. Produkt der Firma) auf dieser einen Ebene den allergrößten Sinn für einen ergibt? Technisch ausgedrückt – gibt es eine “Purpose-Gleichung”, welche den Purpose-maximierenden Beruf ausspuckt? Dazu wollen wir ein paar Berufe bzw. Organisationen vergleichen, um der Antwort auf die Schliche zu kommen.

Fokussieren wir uns der Einfachheit halber auf eine der vier Ebenen – die Ebene des Outputs einer Firma, d.h. des Produkts bzw. der Dienstleistung, die diese am Markt anbietet. Kann man den “Purpose” von Unternehmen nun messen bzw. gar vergleichen?

Zur weiteren Vereinfachung und besseren Vergleichbarkeit schauen wir uns jeweils zwei Organisationen in verwandten Themenfeldern an, mit ähnlichen“Missionen”, d.h. Wirkungsfeldern.

Beispiel 1: Altersheim vs. Kinderkrankenhaus

Wir vergleichen zwei Organisationen miteinander, die am anderen Ende eines Menschenlebens ansetzen – und bei denen sich somit das Alter (und damit die noch bevorstehenden Lebensjahre) der Patienten stark unterscheidet. Wer erbringt einen größeren Dienst am Menschen – das Kinderkrankenhaus, welches junge Menschenleben rettet, oder das Altersheim, wo sich um alte Menschen fürsorglich gekümmert wird? Ist ein junger Mensch, der noch ein ganzes Leben vor sich hat, höher gewichtet – gar wertvoller – als ein älterer?

Wie schwierig diese Frage ist – auch ethisch und moralisch – lässt sich schnell erkennen. Eine Möglichkeit der Bewertung ist diejenige, die Hilfsorganisationen wählen, wenn sie neue Projekte oder Einsatzorte prüfen. Lohnt es mehr, mit Hilfe von Mückenschutznetzen Malaria-Infizierte zu verhindern oder durch Entsendung von Ärzten HIV-Infizierte zu behandeln? Um die Wirksamkeit zu ermitteln, wird knallhart auf Lebensjahre pro Dollar oder Euro umgerechnet. Mit den Maßstäben des YPLL (Years of Potential Life Lost) bzw. des DALY (Disability-adjusted Life Years) werden zudem gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigt  und entsprechende Lebensjahre als weniger hoch gewertet. Doch lässt sich eine solch nüchterne Betrachtung auch für die eigene Jobwahl ableiten?

Beispiel 2: Psychiatrisches Krankenhaus vs. Coaching-Anbieter

Ein Psychotherapeut oder Psychiater, der Gesprächstherapien anbietet, kann (davon ausgehend, dass seine Patienten über Monate zu ihm kommen) nur eine sehr beschränkte Anzahl an Menschen behandeln – nehmen wir einmal an, es seien 20 pro Woche. Dafür arbeitet er sehr tief mit ihnen zusammen, kann schweres Leiden heilen und zu wertvollen Veränderungen der Lebensqualität führen. Ein ganzes Krankenhaus, welches sich auf psychische Leiden fokussiert, arbeitet folglich auch mit relativ wenigen Patienten, dafür intensiv zusammen. Anders ist dies bei einem Seminar- oder Coaching-Anbieter, welcher ganze Hallen füllt und Tausenden von – gesunden – Menschen hilft, bessere Beziehungen zu führen oder erfolgreich Wohlstand aufzubauen. Diese Organisation arbeitet breit statt tief  – sie berührt viele Menschen, dafür weniger stark. Wer hat nun einen größeren Impact?

Wie wir anhand dieser beiden Beispiele sehen können, ist eine Vergleichbarkeit enorm schwierig – und das selbst dann, wenn die “Dimension” des Wirkens noch die gleiche ist (Gesundheit bzw. mentale Gesundheit).

Stellen wir uns nun einmal vor, wir lockern diese selbst gesetzte Nebenbedingung wieder auf – und vergleichen gar Organisationen oder Jobs miteinander, die in ganz anderen Feldern wirken. Jetzt wird es beliebig komplex – denn was zählt mehr, für Menschenrechte in autokratischen Ländern zu kämpfen oder die Umwelt (vor allem für künftige Generationen) zu retten? Mädchenbeschneidungen in Afrika zu verhindern oder für nachhaltigere Landwirtschaft zuhause zu sorgen?

Zurück zur Ausgangsfrage: kann man quantitativ erörtern, welches Unternehmen (mit welcher Mission) den größten Sinn ergibt? Objektiv, d.h. für beliebige Menschen einheitlich, ist es scheinbar nicht bewertbar. Denn weil wir “Sinn” in vielerlei verschiedenen Dimensionen (bspw. gerettete Lebensjahre oder gesteigerte mentale Gesundheit) finden können, und diese Dimensionen nicht (objektiv) miteinander vergleichbar sind, kann es keine Purpose-maximierende Formel geben.

Was zählt mehr – die Firmenvision oder die eigene Rolle?

Nach der gleichen Logik können wir zur Frage des Purpose-Ursprungs springen, und uns die vier Sinn-Ebenen wieder näher anschauen.

Nehmen wir uns einen hypothetischen Job vor: ein Agile Coach, der in einem Software-Team für bessere Abläufe und glücklichere Mitarbeiter sorgt – wobei das Software-Team für die Motorsteuerung von Dieselaggregaten bei einem Fahrzeughersteller (nehmen wir an, einen am Rande der Legalität operierenden) zuständig ist. Dieses Unternehmen wiederum baut nur noch vorübergehend (mehr oder weniger saubere) Dieselmotoren – denn in 20 Jahren plant es, eine komplett emissionsfreie Flotte zu haben.
Während die Rolle (Agile Coach) und auch die Firmenvision (saubere Mobilität) sicherlich sinnstiftend sein können, dürfte die Abteilung (semi-legale Motorsteuerung) und das Produkt (Fahrzeuge mit “optimiertem” Dieselmotor) kritischer sein.

In diesem Fall scheinen sich also die unterschiedlichen Purpose-Ebenen sogar zu widersprechen. Menschen wird geholfen (den Software-Entwicklern), und die Welt soll besser werden (langfristig) – aber die aktuellen Produkte schaden der Umwelt.

Nun kommt nicht jeder “reelle” Job mit solchen Gewissenskonflikten daher – aber was wir erkennen können ist, dass die Antwort nach der Sinnhaftigkeit auch hier wieder völlig subjektiv ist. Zwei verschiedene Menschen können, abhängig davon worauf sie ihre Aufmerksamkeit lenken, entsetzt und demotiviert oder begeistert und angetrieben sein.

Fazit

Der Traumzustand in puncto Sinnhaftigkeit ist einfach: sowohl die eigene Rolle, als auch das übergeordnete Team, die Produkte der Firma wie auch die Firmenvision erscheinen einem selbst als “sinnvoll” – die Purpose-Ampel geht also durchgehend auf grün. Ebenso einfach ist das Gegenteil – weder die Rolle, noch die Firma oder Vision begeistern und reißen einen mit – bzw. noch extremer, sie demotivieren sogar.

Klar ist auch geworden, dass Purpose sich nicht objektiv vergleichen lässt – weder wenn Firmen und ihre Produkte nebeneinander gestellt werden, noch wenn die Purpose-Ebenen wie Rolle oder Vision miteinander verglichen werden.

Die beruhigende Nachricht: wenn Vergleichbarkeit nicht möglich ist, zählt einzig und allein die subjektive Wahrnehmung – und dafür können wir auf unsere Gefühle achten (bzw. lernen, unser Bauchgefühl wieder besser wahrzunehmen). Und für das eigene Emotionsbarometer gibt es starke Einflussfaktoren, die sehr wohl eine subjektive Skala erlauben – nämlich die eigene Geschichte, eigene Moralvorstellungen, eigene Werte und Interessen. Sind diese einmal klar herausgeschält und identifiziert, kann sich die Suche nach der gefühlten Nadel im Heuhaufen in Windeseile in einen logisch erscheinenden, iterativen Prozess verwandeln – bei dem am Ende ein Job mit starkem Purpose und großer Identifikation steht.

The Happy School Blog

The Happy School führt dich durch Coaching-Kurse Schritt für Schritt zu deiner Berufung. Wir räumen mit Mythen und falschen Glaubenssätzen zum Thema Job-Wahl auf, erklären die neuesten Forschungsergebnisse aus der „Glücksforschung“ und geben praktische Tips für die eigene Sinnsuche. Unsere wöchentlichen Blog-Artikel geben in Häppchen-Form Impulse für das Gestalten deines Traumberufs. Wir verstehen uns als Begleiter auf der Reise zur authentischsten und lebensfröhlichsten Version deiner selbst.