Motivations-Killer: Was den Job zur Qual macht

Im letzten Blog-Post haben wir uns angeschaut, seit wann Arbeit überhaupt glücklich machen soll (noch nicht sehr lange!) und was die Ursprünge von Zufriedenheitsforschung sind (motivierte Mitarbeiter = bessere Qualität und Quantität ihrer Arbeit). Zudem haben wir ermittelt, welche Kategorien an Faktoren die Motivation überhaupt beeinflussen. Dabei haben wir festgestellt, dass es drei grobe Kategorien gibt:

  • Positive Einflussfaktoren – also Faktoren, die die Motivation steigern (und bei Abwesenheit auch limitieren)
  • Bestenfalls neutrale Faktoren – Einflüsse, die sich nur bei Abwesenheit wirklich bemerkbar machen
  • “Un-Faktoren” –  Komponenten, die keinen nachhaltigen Einfluss auf die gespürte Arbeitszufriedenheit ausüben.

Die Positiven Einflussfaktoren

Wir hatten uns zunächst die 5 Positiven Einflussfaktoren angeschaut – und dabei folgende aufgezählt:

  • Abwechslung & Vielfalt – also Aufgaben, welche verschiedene Fähigkeiten und Stärken ansprechen
  • Autonomie & Freiheit – Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, bspw. wie oder wann genau die Arbeit ausgeführt wird
  • Fortschritt – spürbare und sichtbare Ergebnisse des eigenen Wirkens
  • Sinnhaftigkeit – subjektiv eine sinnvolle Rolle ausführen, oder bei einem sinnvollen Produkt mitwirken, oder auf eine sinnvolle Vision hin arbeiten – idealerweise alle drei zusammen (die “Sinn-Ebenen”)
  • Gute Beziehungen – bspw. Freunde am Arbeitsplatz oder ein gutes Verhältnis zu Vorgesetzten und Mitarbeitern.
 

Schauen wir uns nun näher an, was die “undankbaren” Faktoren sind. Das sind diejenigen Kriterien, die unbedingt erfüllt sein müssen, um nicht unzufrieden zu machen, aber darüber hinaus keinen positiven Beitrag zur Motivation leisten.

Bestenfalls neutrale Faktoren

Die Kriterien der zweiten Gruppe an Zufriedenheitskomponenten meckern dann, wenn sie nicht erfüllt sind – tun aber sonst wenig zu unserem Glücksempfinden. Dazu gehören:

1.  Faires Gehalt

Spielt Gehalt nun eine Rolle bei der Job-Zufriedenheit – oder nicht? Wenn ja, nur bis zu einer Obergrenze – oder gleicht mehr Gehalt doch auch immer mehr Spielraum und Zufriedenheit? Die Geld-Motivations-Frage ist eine der meist diskutierten in der Motivationsforschung. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich weltweit Forscher damit, wie glücklich Geld macht und wie sehr es zur Lebensqualität beiträgt. In immer neuen Studien* verschieben sie den bisherigen Stand der Erkenntnisse auch gerne wieder in die ein oder andere Richtung.

Die kurze Antwort auf die Geld-Frage 

Geld macht (zunächst einmal) glücklich, und mehr Geld steigert tatsächlich die gefühlte Lebensqualität immer weiter – sogar ohne obere “Schranke”.

Die längere Antwort

  • Je mehr Einkommen jemand verdient, desto größer muss der Geldsprung nach oben ausfallen, um weiter einen spürbaren Happiness-Effekt zu verzeichnen. Auf einer Skala von 1 bis 10 bspw. braucht es jeweils eine weitere Gehaltsverdoppelung, um nur einen halben Punkt an Lebensqualität hinzu zu gewinnen (dies gilt ab einem Wert oberhalb von ca. 50.000$ Jahreseinkommen).
  • Ab einem gewissen Einkommen haben andere Faktoren als das Gehalt einen weitaus höheren Einfluss auf die gesamte Lebensqualität. Dazu gehören bspw. Sinnhaftigkeit der Arbeit, Qualität der Beziehungen und Gesundheit. Dieser Wert schwankt stark in Abhängigkeit des Wohnorts (d.h. auch der Kaufkraft des Einkommens); in den USA bspw. liegt er bei etwa 40.000$ (durchschnittlich). Darüber üben andere Kriterien weitaus mehr Einfluss aus.
  • Die Bedeutung von Geld ist stark subjektiv. Wenn jemand sich mit seinem Einkommen auch um andere Menschen kümmern muss (bspw. Familie mit Kindern oder zu pflegende Eltern), kann der Wert deutlich variieren. Weiter kann ein Individuum schlichtweg Geld mehr Bedeutung geben als der “Durchschnittsmensch”. Besonders teure Hobbies oder hochpreisige Vorlieben (sofern sie die Zufriedenheit tatsächlich positiv beeinflussen) können die Bedürfnisse  nach oben schnellen lassen.
  • Wenn die Lebensqualität bei Studienteilnehmern** weiter unterteilt wird in “Bewertung des eigenen Lebens” (d.h. Beschreibung, wie das eigene Leben betrachtet wird) und “Emotionale Zufriedenheit” (d.h. Aufzeichnen der vernommenen Emotionen wie Freude, Stress, Traurigkeit, Wut etc.), wird es richtig spannend.  Während die “Emotionale Zufriedenheit” nördlich von 50.000$ immer weniger steigt, und ab 75.000$ sogar komplett stagniert, gewinnt die “Bewertung des eigenen Lebens” immer weiter an Punkten.

Für unsere Fragestellung nach der Job-Zufriedenheit lässt sich vereinfacht festhalten: bis zu einem gewissen Grad ist das Gehalt ein elementarer Bestandteil für einen begeisternden Beruf. Darüber hinaus spielt es nur noch eine marginale Rolle. Wo die Schwelle liegt ist stark subjektiv und hängt u.a. von familiärer Situation (d.h. Anzahl der mit zu versorgenden Menschen), Wohnort (d.h. Lebenshaltungskosten) und persönlichen Präferenzen ab – in 2020er Werten und auf Deutschland bezogen dürfte dieser Wert in etwa bei €75.000 Jahreseinkommen liegen.

2. Job-Sicherheit & Stabilität (keine Angst vor Job-Verlust)

Neben dem monetären Faktor ist noch ein weiteres Kriterium an die untere Ebene der Grundbedürfnisse gekoppelt, die Job-Sicherheit. Auch wenn das Bedürfnis je nach Risikobereitschaft eines Einzelnen und Lebensphase stark schwankt, hat doch jeder ein Mindestmaß. Ist dieses unterschritten und fühlen wir uns in der Erhaltung unseres Lebensstandards bedroht, reagiert unsere Psyche mit eindeutigen Beklommenheitsgefühlen.

Doch ab wann ist finanzielle Sicherheit in Gefahr? Bei Kündigung innerhalb der Probezeit mit vierzehntägiger Kündigungsfrist? Bei Ausstellung in einem unbefristeten Vertrag und mit 6 Monaten Gehaltsfortzahlung? Oder erst bei einem drohenden, zu Lebzeiten kaum abzahlbaren Schuldenberg? Das Empfinden ist höchst Individuell. Gemein ist uns allen, dass eine zunehmende Job-Sicherheit, über das notwendige Maß hinaus, nicht weiter zum Lebensglück und zur Zufriedenheit beiträgt.

3. Faire Arbeitszeiten, die ins restliche Leben passen

Von hoher Bedeutung für die Job-Zufriedenheit ist, dass sich die Arbeitszeiten als fair anfühlen. Ein enorm fordernder Vorgesetzter oder ein Unternehmen mit übermäßig hoher Leistungskultur können sich zu einem Gefühl von Ausbeutung entwickeln. Je nach persönlichen Lebensumständen (Uni-Abgänger und Single vs. Familienvater oder Mutter mit jungen Kindern) spielen auch die Uhrzeiten von Arbeitsbeginn und Arbeitsende eine größere Rolle – aber wieder nur bis zu einem gewissen Punkt. Ist das Maß an persönlich empfundener “Fairness” voll, hat es kaum mehr einen Einfluss, wenn noch höhere Flexibilität angeboten wird. Eine besonders kulante Home Office-Regelung oder beliebig einteilbare Arbeitszeiten mögen also erstmal enorm ansprechend klingen – nachhaltig zufriedenheitsbeeinflussend sind sie für die allerwenigsten Menschen.

4. Reisezeiten, die sich gesund anfühlen (Pendeln bzw. Geschäftsreisen)

Was für den einen als Freiheit und wohltuende Abwechslung oder gar Statussymbol angesehen wird, kann für den anderen eine enorme Belastung darstellen. Am Thema Geschäftsreisen bzw. Arbeitswegen lässt sich die Subjektivität und Individualität schön ablesen – und auch hier wieder hat jeder eine Komfortzone, die nicht überschritten werden darf. Fühlen sich die Umstände allerdings einmal ok an, hat eine Verbesserung des Kriteriums einen vernachlässigbar geringen Einfluss auf die Job-Zufriedenheit.

“Un-Faktoren”

Als dritte wichtige Kategorie gibt es noch die Faktoren, die so gut wie keinen Einfluss haben – obwohl wir landläufig häufig davon ausgehen, dass sie besonders gewichtig seien.

1. Niedrige Arbeitszeiten

Während das Empfinden von “fairen Arbeitszeiten” ein notwendiges Kriterium ist, welches wir uns unter den ‘bestenfalls neutralen Faktoren’ angeschaut haben, sind die genauen Anforderungen an Wochenstunden und geleisteter Arbeitszeit ein vielmals überschätzter Faktor zum Thema Job-Zufriedenheit.

Der Begriff “Work Life Balance” ist heute in aller Munde, und hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine zentrale Stellung im Zusammenhang mit Lebensqualität und mentaler Gesundheit erarbeitet. Wenn wir uns die Entwicklung der Arbeitszeiten in unseren westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten anschauen, ist vor allem ein Trend erkennbar: immer weniger Wochenstunden. Während vor gerade einmal zwei Generationen die 6-Tage Arbeitswoche Standard war, gehen wir heute wie selbstverständlich von einem Wochenend-Anfang am Freitag Abend (oder Nachmittag oder Mittag) aus. Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass erst 40h-Wochen etabliert wurden, in manchen Industrien und Jobs ging bzw. geht der Trend weiter zu 35 oder 28 Stunden (und einer Viertagewoche).

Für besonders repetitive und langweilige Arbeiten mag “weniger Arbeitszeit” von Vorteil sein – denn, wie wir im letzten Post gesehen haben, zufrieden machen können Jobs mit wenig Eigenverantwortung, Aufgabenvielfalt und Sinnhaftigkeit (wie klassische Fließband-Jobs) ohnehin nur schwer. Für Berufe allerdings, die die positiven Kriterien erfüllen, ist die Verringerung der Arbeitszeit – über das als fair empfundene Maß hinaus – irrelevant.

2. Interessen-Match

Eine besonders spannende Einflussgröße ist das Thema Interessen-Match im Job, also die Leidenschaft für das Thema an sich. Wenn wir erfolgreiche und von ihrem Beruf schwärmende Persönlichkeiten reden hören, könnten wir schnell denken, dass das Verfolgen ihrer Leidenschaft sie erfolgreich gemacht hat. Daraus kann die Annahme getroffen werden, dass jeder seinen Interessen und Leidenschaften entsprechend einen Beruf suchen muss, um glücklich zu werden. Spannend ist, dass dieser Umkehrschluss nur sehr bedingt gilt –  und dass Leidenschaften häufig erst entstehen, wenn jemand sich intensiv und erfolgreich mit einem Thema auseinandersetzt.

Weltbekannte Sportler, Künstler oder Musiker, die noch dazu sehr charismatisch und medienwirksam auftreten, können das Bild einer “klar veranlagten Bestimmung” extrem überzeichnen. Wenn du keine solche Bestimmung in dir hast, oder so erfolgreich ausleben konntest, heißt das noch lange nicht, dass du keine tiefe Leidenschaft für einen Beruf entwickeln kannst oder wirst. Übst du eine Tätigkeit aus, bei der die anderen, hier aufgezählten Kriterien nämlich erfüllt sind, so wirst du mit der Zeit automatisch besser und besser darin, und echte Leidenschaft und Interesse für das Thema entstehen als Folge dessen. Die hier aufgezählten und wissenschaftlich nachgewiesenen Motivations-Faktoren zielen lediglich auf den Kontext der Arbeit ab – nicht auf den Inhalt. Interessanterweise, und entgegen häufigen Annahmen, kann sich der Inhalt also flexibel anpassen – anstatt als Start-Größe schon vorher feststehen zu müssen.

Natürlich solltest du dir keinen Arbeitsinhalt, Industrie oder Firma aussuchen, die deinem Weltbild entgegen steht. Davon auszugehen, dass dein Beruf in einem deiner heutigen primären Interessengebiete oder Hobby-Themen liegen muss, ist allerdings ebenso wenig nötig – und würde dich nur unnötig einschränken. Echte Leidenschaft kann auch in ganz anderen Bereichen heranreifen. Im Rückblick, wenn du einmal an Fahrt aufgenommen hast, lässt sie sich dann nicht mehr unterscheiden von einem schon vorher vorhandenen Passionsthema.

3. Wenig Stress

Stress macht krank – so hört man häufig. Allerdings sollte Stress vor einer vorschnellen Bewertung etwas näher untersucht werden. Psychologen unterteilen Stress dazu in zwei wichtige Kategorien – Distress und Eustress.

Distress ist negativer Stress, welcher mit Situationen und Anforderungen einhergeht, die als unangenehm und belastend empfunden werden. Distress fühlt sich nicht gut an, er löst Sorgen und Befürchtungen aus und hemmt. Wenn Gefühle von Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit damit einhergehen, kann eine Überforderung über längere Zeit erheblichen Schaden anrichten. Von Gereiztheit, Übermüdung und Erschöpfung kennt der Weg bergab fast kein Ende – bis hin zu echten Krankheitssymptomen und schweren physischen oder psychischen Beschwerden.

Eustress hingegen ist positiver Stress – er macht leistungsfähiger, spornt an und fordert heraus. Er kann zu Gefühlen von Glück, Erfolg und Stärke führen. Eustress kann allerdings auch zu Distress werden, wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, die Situation eigenständig meistern zu können. Auch wenn er sich über zu lange Zeit hin zieht, kann er kippen. Im richtigen Maße jedoch kann Eustress die Aufmerksamkeit fokussieren, zu einem schärferen Denken führen und für mehr emotionale Ausgeglichenheit sorgen.

Wie viel oder wenig Stress ist nun für den perfekten Job ideal? Das perfekte Maß liegt in der Mitte. Ab einem gewissen Punkt bringt ein weitere Reduktion von Stress nicht nur keinerlei Vorteile, sondern kann gar durch Langeweile und einen Mangel an Reizinput zu einem negativen Faktor werden. Der ideale Job ist also nicht derjenige mit dem niedrigsten Stress-Level – sondern derjenige, der das genau richtige Maß für ein Individuum trifft.

Fazit

Die Komponenten für einen Traumjob sind, wie wir gesehen haben, etwas komplexer als “Folge deinem Herzen” oder “Hauptsache ein sicherer Job mit gutem Gehalt”. Glücklicherweise haben wir heute aber ein ziemlich klares Verständnis darüber, was unbedingt erfüllt sein muss, was nett wäre, und was überflüssig ist. Mit diesem Wissen lässt sich, ausreichend Zeit, Bereitschaft zur Reflexion und Mut zu Veränderung vorausgesetzt, sehr wohl ein Traumjob erschaffen. Allerdings sieht ein erfolgsversprechender Weg etwas anders aus als es klassischerweise mit dem sofortigen Besuch eines Stellenportals erfolgt. 

* Siehe bspw. diese sehr ausführliche Meta-Studie über den Zusammenhang von Wohlstand und Zufriedenheit

** Siehe bspw. diese Studie von Nobelpreisgewinner Daniel Kahnemann

The Happy School Blog

The Happy School führt dich durch Coaching-Kurse Schritt für Schritt zu deiner Berufung. Wir räumen mit Mythen und falschen Glaubenssätzen zum Thema Job-Wahl auf, erklären die neuesten Forschungsergebnisse aus der „Glücksforschung“ und geben praktische Tips für die eigene Sinnsuche. Unsere wöchentlichen Blog-Artikel geben in Häppchen-Form Impulse für das Gestalten deines Traumberufs. Wir verstehen uns als Begleiter auf der Reise zur authentischsten und lebensfröhlichsten Version deiner selbst.