Muss jeder die Welt retten?

Sinnhaftigkeit ist eines der wichtigsten Kriterien für einen erfüllten Beruf – wie wir im Post über die 5 Faktoren für Zufriedenheit festgestellt haben. Im Zusammenhang mit Sinn und Purpose machen charismatische Unternehmer oder Aktivisten gerne Schlagzeilen – und versuchen, immer mehr Anhänger für ihre Mission der Weltrettung zu gewinnen. Fast schon getrieben scheint so mancher Visionär für seinen Plan zu werben. Elon Musk will nicht nur unseren hiesigen Planeten vor Treibhausgasen retten (durch E-Mobilität) sondern auch die Spezies vor sich selbst schützen (indem wir weitere Planeten bevölkern). Greta Thunberg widmet schon im Teenie-Alter nicht nur ihre Schulzeit, sondern quasi ihr ganzes Leben dem Überthema Klimaerwärmung. Und obgleich nicht jeder mit ihnen tauschen möchte, so können diese Ausnahmepersönlichkeiten uns in Bezug auf ihren Lebensantrieb doch manchmal neidisch machen.

Darf’s auch eine Nummer kleiner sein?

Allerdings – muss es immer gleich die Weltrettung sein, um selbst erfüllt und energiegeladen zu sein? Spezifisch – muss, wer sein eigenes Lebensglück maximieren will, immer auch die Gesellschaft im Fokus haben und zum Wohle der Anderen handeln? Oder geht Lebenssinn auch ohne Selbsthingabe?

In früheren Posts zum höchsten Sinn und der Purpose-Maximierung  haben wir bereits folgendes festgehalten: 

  • Sinn ist subjektiv: Welches Thema, welches Anliegen mit einem selbst räsoniert, wofür man sich begeistern kann und wofür nicht ist absolut subjektiv. Was für den einen eine Lebensmission ist, kann beim anderen bloßes Gähnen hervorrufen. 
  • Die eigene Geschichte zählt: Die subjektive Wahrnehmung und Reaktion auf mögliche sinn-gebende Themen ist geprägt durch die eigene Persönlichkeit – genauer durch die eigenen Werte (die weitestgehend in der Kindheit geprägt wurden), Interessen und emotional starke Ereignisse (positive wie negative). 
  • Purpose kann auf mehreren Ebenen entstehen: Sinn kann an verschiedenen Stellen entspringen – bei der eigenen Rolle und den damit verbundenen Aufgaben, dem Team, dem Output der Organisation (Produkt oder Dienstleistung) oder gar der langfristigen Firmenvision.
  • Bürojobs können genauso sinnstiftend sein: Ob unmittelbarer Kundenkontakt vorliegt (Beispiel Arzt oder Priester) oder man Teil einer großen Organisation ist, hat nicht zwangsläufig einen Einfluss auf den Purpose.    

These: egoistisch + positiv = gesellschaftsfördernd

Um der Frage nach der egoistischen Purpose-Ausrichtung vs. dem gesamtgesellschaftlichen Wohl näher zu kommen, stellen wir folgende These auf: 

Wenn die rein individuelle Maximierung des Purpose stets positiv ausgerichtet wäre (und positiv sich eindeutig definieren ließe), dann würde automatisch gelten, dass sie auch einen gesellschaftlichen Einfluss hätte – ganz egal ob sie direkt angestrebt oder beiläufig mit erreicht wird. Wir kämen also als Gesellschaft kontinuierlich voran (sofern wir einheitliche Moralvorstellungen voraussetzen, die unter “Fortschritt” das gleiche definieren), wenn sich jeder – quasi ganz eigennützig – seinem eigenen Purpose widmen würde.

Ist Purpose immer positiv?

Damit wären wir bei der Fragestellung, ob Purpose immer positiv ist – oder ein Mensch genauso erfüllt sein kann, wenn er Sinn quasi “kidnappt” und für etwas neutrales (dient niemandem, tut aber auch keinem weh) oder gar negatives (fügt anderen Schaden zu) missbraucht. 

Werfen wir wieder einen Blick auf die verschiedensten Modelle von menschlichen Grundbedürfnissen (bspw. Maslow, Barrett oder Tony Robbins). Die oberste Ebene der menschlichen Ambitionen deckt sich tatsächlich und ist eindeutig – vorausgesetzt, ein Mensch hat seine unteren Bedürfnisse (Sicherheit & Stabilität, soziale Bedürfnisse, Anerkennung etc.) alle befriedigt, dann ist es ihm ein intrinsisches Anliegen, anderen zu helfen. Zu dienen, “Gutes zu tun” und sich für eine bessere Welt einzusetzen bleibt damit nicht wenigen moralisch Überlegenen vorbehalten – sondern steckt in jedem von uns.

Ausnahmen von positiven Absichten

Wie lassen sich dann in der Geschichte der Menschheit die Vielzahl der Anführer und Antreiber erklären, die nicht nur selbst Gräueltaten begangen haben, sondern mit eindeutig schadender Absicht für Leid & Elend gesorgt haben – und dabei voller Energie für ihre Sache waren?

  1. Stellvertreter Purpose-Themen
    Die erste Kategorie an Ausnahmen betrifft Menschen, die ihre Grundbedürfnisse eben nicht allesamt gestillt haben – und anstatt zu versuchen, ihre Sorgen und Sehnsüchte besser zu verstehen, “Stellvertreter”-Bedürfnisse befriedigen bzw. überbefriedigen. So kann jemand einem Individualbedürfnis wie Anerkennung & Status ein so hohes Gewicht beimessen bzw. so viel Befriedigung empfinden, dass er mehr und mehr davon will – bspw. mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Status. Auf der Ebene kann zwar auch Motivation und Antrieb entstehen – sogar ziemlich starker. Allerdings sehnen sich naturbedingt die meisten Menschen – sofern die anderen, darunter liegenden Bedürfnisse konstant erfüllt bleiben – irgendwann nach mehr. Das lässt sich bspw. bei den mittlerweile weit verbreiteten philantropischen Engagements von sehr wohlhabenden Menschen beobachten, die mit nicht gerade Purpose-orientierten Unternehmen reich geworden sind.
  2. Psychische Wunden
    Psychische Wunden wie Traumata oder belastende Erfahrungen im Kindesalter können ebenso zu einer Verzerrung der Moralvorstellungen und “Überschreibung” von gesunden Glaubenssystemen führen. Wenn diese noch in Kombination mit übermäßig starker Ausprägung von Individualbedürfnissen (wie Anerkennung) auftreten, sind die Zutaten für einen Sinn-Missbrauch vorhanden. Die oben beschriebenen Stellvertreter-Bedürfnisse (bspw. nach Anerkennung lächzen, um Wertschätzung und Zugehörigkeit zu erfahren) führen dann zu einer gefährlichen Kompensation – bei der auch auf Kosten anderer ein höherer Sinn verfolgt werden kann.

Fazit

Diese Ausnahmen einmal außen vor gelassen, können wir schlussfolgern: wenn jeder ganz egoistisch, in seinem eigenen Universum, Lebensglück anstrebt und für sich selbst ein starkes “Warum” definiert, macht er unbewusst und von ganz alleine auch die Welt ein Stückchen besser. Die in uns veranlagte Natur sorgt dafür, dass ein Sinn positiv ausgerichtet ist und anderen Menschen dient. Es muss also nicht jeder gleich die Welt retten, oder eine Mission ausrufen die größer ist als sie zu Lebzeiten erreicht werden kann. 


The Happy School Blog

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