Warum “Folge deinem Herzen” kein guter Karriere-Ratschlag ist

Ratschläge wie “Folge deinem Herzen” oder “Follow your passion” liegen hoch im Kurs. Doch leider sind das für berufliche Entscheidungen meist keine guten Empfehlungen – denn unser Bauchgefühl ist kein besonders verlässlicher Partner bei den großen Karrierefragen. 

Etwas zum Beruf zu machen, wofür man schon eine Leidenschaft hat und der inneren Stimme zu folgen klingt erstmal nach einem logischen Schritt. Und seinen Beruf leidenschaftlich gerne auszuüben ist ja auch ein erstrebenswertes Ziel. Was kann also falsch daran sein, dem “Herzen” zu folgen? 

Die kurze Antwort: Unsere Intuition ist schlichtweg nicht für solche Art von Entscheidungen gemacht – und das Bauchgefühl daher nicht viel besser als ein Zufallsgenerator.

Unser Gehirn ist ein Meister der “kognitiven Verzerrungen” 

Wenn es dir geht wie den meisten Menschen wird dein Bauchgefühl sich auch bei Themen, zu denen du kein Experte bist, gerne mal mit einer scheinbaren Ahnung bemerkbar machen. Und dann gibt es auch noch Menschen, die bei fast allem eine Meinung haben – und die sich auch nicht scheuen diese der Umwelt lautstark mitzuteilen. Das kann mal witzig sein – bspw. wenn bei einem Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft fast jeder Zuschauer vor dem Bildschirm glaubt, genau zu wissen was der Trainer gerade falsch macht. Es kann aber auch schmerzhaft sein – bspw., wenn man sich für den falschen Partner oder Beruf entscheidet und es zu spät (oder viel zu spät) merkt.   

Für das Phänomen, dass unser Bauchgefühl gerne auch mal komplett daneben liegt, haben Psychologen den Begriff der “kognitiven Verzerrungen” geprägt. Ähnlich wie bei Vorurteilen, bei denen wir durch (echte oder vermeintliche) Erfahrungen aus der Vergangenheit Prognosen für die Zukunft aufstellen, neigen wir zu Verzerrungen, Übertreibungen oder gar falschen Schlussfolgerungen. Diese systematischen, fehlerhaften Neigungen können beim Wahrnehmen, beim Erinnern, beim Denken oder beim Urteilen auftreten.

Heute die Zukunft von morgen einschätzen

Unter anderem führt das dazu, dass wir nicht besonders gut darin sind Vorhersagen über unsere Zufriedenheit in der Zukunft aufzustellen. Nachgewiesen ist das bspw. bei Lottogewinnern wie auch bei Unfallopfern. In beiden Fällen werden die Momente direkt nach dem Ereignis überbetont und in die Länge gezogen, unter dem falschen Glauben dieser Gemütszustand würde dauerhaft anhalten. Tatsächlich “verblassen” Emotionen aber mit der Zeit – was dazu führt, dass sich sowohl nach tragischen wie auch positiven Happenings nach einer gewissen Zeit das Ursprungslevel an Zufriedenheit wieder einstellt. Diese Verzerrung, “Impact Bias” genannt, kann uns zu ganz schönen Fehlentscheidungen verleiten – wenn wir unserer Intuition zu viel Gewicht schenken.    

Doch unsere Intuition, unser Bauchgefühl irrt natürlich nicht immer. Unter bestimmten Konditionen hat es eine sagenhafte Trefferquote – sogar viel besser als wir rational abwägen können.

Wann auf unser Bauchgefühl Verlass ist

Unser unbewusster Kompass, die Intuition, hat biologisch gesehen einen gewichtigen Daseinsgrund – ohne den es uns gar nicht gäbe. In “kriegsentscheidenden” Momenten – also wenn Gefahr für unser Leben droht – würde eine rationale Abwägung viel zu langsam ablaufen. Unsere Spezies würde nicht mehr existieren, wenn wir nicht binnen Millisekunden die Entscheidung zur Flucht oder zur Abwehr treffen könnten. Doch unter welchen Bedingungen genau ist unser Bauchgefühl ein guter Ratgeber – insbesondere, wenn es nicht ums nackte Überleben geht? 

Drei Faktoren sind wesentlich: 

  1. Viele Erfahrungen
    Damit unser Unterbewusstsein echte Expertise gewinnt, braucht es einen breiten Erfahrungsschatz – also viele “Trainingsdaten”. Je mehr vergleichbare Erfahrungen wir vorher bereits gemacht haben, desto mehr kann sich eine intuitive Stimme entwickeln, die auch in der neuen Situation blitzschnell richtig läge.

  2. Feedback für frühere Entscheidungen
    Lernen bedingt einerseits Erfahrungen – andererseits aber auch Feedback. Nur wenn wir für jede unserer früher getroffenen Entscheidungen auch Rückmeldung erhalten, ob wir richtig oder falsch lagen, können wir beim nächsten Mal besser werden. Das Sprichwort “Übung macht den Meister” stimmt zwar – aber eben nur, wenn beim Üben eines neuen Instruments jede falsch gespielte Note auch hörbar ist, beim Basketball jeder verschossene Wurf auch wahrgenommen wird. Ohne Feedback kein Lernen.

  3. Vorhersagbares Umfeld
    Damit die mithilfe von Feedback und vielen “Datenpunkten” gesammelten Erfahrungen auch in einer neuen Situation hilfreich sind, bedingt es außerdem noch ein vorhersagbares Umfeld. Kontext und Bedingungen dürfen sich also nicht verändern. Anders formuliert: die gleiche Entscheidung, 1.000 Mal getroffen, muss 1.000 Mal das gleiche Ergebnis liefern. Nur wenn diese Replizierbarkeit gegeben ist, hilft ein Erfahrungsschatz. Wenn beim Basketball-Spielen die Schwerkraft variieren würde, hätte der erfahrenste Spieler kaum eine Chance, den Korb zuverlässig zu treffen.

Wie sieht es mit unserer Intuition im Kontext der Berufswahl hinsichtlich dieser drei Faktoren aus? 

Das Bauchgefühl im Kontext beruflicher Weichenstellungen

Leider schneidet die Intuition bei Karrierefragen in allen drei Prämissen nicht gut ab.

  1. Zu wenige Datenpunkte
    Im Laufe unseres Lebens treffen wir wegweisende berufliche Entscheidungen verhältnismäßig selten. Selbst die fleißigsten Job-Hopper kommen nicht über ein paar Dutzend Erfahrungen hinaus – deutlich weniger, als intuitive Skills benötigen um sich zu entwickeln.

  2. Kein zeitnahes Feedback
    Haben wir einmal eine berufliche Entscheidung getroffen, kann es Monate oder gar Jahre dauern, bis wir echtes, verlässliches Feedback erhalten – bspw. ob wir einen Job mögen oder nicht. Zum Teil reden wir uns am Anfang noch ein, dass alles ganz positiv ist – und wir kommen erst nach einem halben Jahr dahinter, dass es doch nicht die richtige Entscheidung für uns war. Bei solchen zeitlichen Verzögerungen ist der Bezug zur ursprünglichen Entscheidung quasi entkoppelt – und unser Unterbewusstsein kann daraus nicht lernen.

  3. Umfeld ist nicht vorhersagbar  
    Noch nie hat sich der Arbeitsmarkt so schnell verändert wie aktuell. Alle paar Jahre entstehen Jobs, für die es bis vor kurzem noch nicht einmal eine Berufsbezeichnung gab. Ganze Industrien brechen regelmäßig aufgrund von technologischem Fortschritt weg. Unsere Arbeitsweisen und die Art, wie wir Unternehmen organisieren verändern sich laufend. Und auch wir selbst entwickeln uns weiter – mit neuen Interessen, Vorlieben und Stärken. Das Umfeld ist damit in einem stetigen Wandel – und alles andere als vorhersagbar. Karriereentscheidungen gleichen daher jeweils neuen, in dem aktuellen Kontext einmaligen Entscheidungen, mit sehr wenig Feedback um zu lernen.
      

Für die großen, weichenstellenden Fragen des Berufslebens gelten daher alles andere als optimale Bedingungen für unser Bauchgefühl.

Berufswahl herunterbrechen auf viele kleine Fragen

Unsere Karriereentscheidungen sind eigentlich nicht eine große Frage, sondern eine Ansammlung vieler verschiedener, kleiner Fragen. So angegangen, lässt sich der Intuition auch doch noch eine wichtige Rolle zuschreiben. 

Wenn wir das große, komplexe Problem zerlegen in viele kleine Teilschritte, können wir einzelne Aspekte herausschälen bei denen unser Bauchgefühl sehr wohl von Bedeutung ist. Die Frage bspw. „Mag ich die Menschen, mit denen ich zusammen arbeiten würde“ kann intuitiv am besten beantwortet werden – weil wir in unserem Leben schon viel Erfahrung mit anderen Menschen sammeln konnten.

Fazit

“Folge deinem Herzen” klingt zwar schön – gilt aber nicht für die großen Karrierefragen. Unsere Intuition meint gerne zu wissen, was gut für uns ist und was nicht – doch leider lässt sich unsere Zufriedenheit in der Zukunft nur schwer mit den Erfahrungen der Vergangenheit prognostizieren. Echte Begeisterung in einem Beruf hängt an verschiedenen Faktoren (wie bspw. in diesem Post erläutert), die unser Bauchgefühl kaum antizipieren und einbeziehen kann. Am erfolgversprechendsten ist es, die großen beruflichen Fragestellungen herunter zu brechen in viele kleine – und systematisch vorzugehen. Bei Teilfragen lässt sich dann einfacher prüfen, ob unser Bauchgefühl über einen echten Erfahrungsschatz verfügt – und uns leiten kann. Und wenn unsere eigene innere Stimme schon mit so viel Vorsicht genossen werden sollte, lässt sich leicht ableiten, wie sinnvoll die Ratschläge von Bekannten oder Verwandten für unser Glück sind 😉